Internationaler Verband der Tarifeure


90. Geburtstag von Hon. Prof. Dr. Kurt Spera

 

 Der Präsident des IVT, Hon. Prof. Dr. Kurt Spera, feiert am 5. August 2018 seinen 90. Geburtstag. Für den Verband ist dies Anlass, auf sein Leben und dabei besonders auf die langen Jahre zurückzublicken, in denen Prof. Spera unermüdlich für das Wohl des Verbandes und für die Interessen der Eisenbahnen und für jene von deren Kunden tätig war.

 

Kurt Spera wuchs in Wien im Arbeiterbezirk Ottakring in der Speckbachergasse 12 auf. Heute befindet sich dort in unmittelbarer Nachbarschaft ein Heurigenlokal, das seinerzeitige Wohnhaus gibt es noch. Die von Spera besuchte, ebenfalls in dieser Gasse gelegene Volksschule existiert nicht mehr. Speras Kindheit und Jugend waren durch die sich zusehends verdüsternde innenpolitische Situation in Österreich erschwert, die über den Ständestaat, die Annexion durch das Deutsche Reich und die Machtergreifung der Nationalsozialisten in den Zweiten Weltkrieg mündete. Vorzeitig zwangsweise „ausgeschult“ musste Spera bereits mit 14 Jahren als Hilfsarbeiter Schwerarbeit verrichten und er wurde gegen Kriegsende zusätzlich zu Räumungseinsätzen nach Bombardements beordert. Nach Kriegsende war Spera zunächst am Aufbau der „Freien Österreichischen Jugend“ beteiligt.

 

Nach vorzeitig beendeter Lehre für den Beruf eines Industriekaufmanns erwarb Spera erste Erfahrungen mit der Praxis des Transportwesens als Dispatcher in einem Betrieb der „USIA (Sowjetische Verwaltung von Unternehmen des beschlagnahmten deutschen Eigentums)“. Es war dies auch der Beginn einer jahrelangen engen Zusammenarbeit mit Verantwortlichen der Österreichischen Bundesbahnen. Eine weitere Station seines Berufswegs war die Tätigkeit als Einkäufer für ein Unternehmen im Bereich Tiefbohrtechnik, wo er auch für die Werksspedition zuständig zeichnete. In diese Zeit fällt auch seine Entsendung zu einem in Wien abgehaltenen Lehrgang für kaufmännische Betriebsleiter, bei dem von Professoren der damaligen Hochschule für Welthandel wertvolles Grundwissen vermittelt wurde.

 

Die höchst erfolgreiche Absolvierung dieses Kurses führte dazu, dass Speras nächstes Betätigungsfeld jenes eines Koordinators sowjetischer Transportaufgaben in einem darauf spezialisierten Unternehmen wurde. Da es im Gefolge des Staatsvertrages von 1955 zur – Speras Wissen, Geschick und Leistungsbereitschaft enorm fordernden - Rückverlagerung des sowjetischen Eigentums und Liquidation des Unternehmens kam, musste er sich nach erfolgreicher Erledigung dieses Großprojekts auf die Suche nach einem neuen Arbeitsumfeld machen. Dieses fand er als Leiter der Tarifabteilung einer österreichischen Spedition. In dieser Funktion erfolgte auch sein Beitritt zum „Verein der Tarifeure, Wien (VDT)“. Wie schon in der vorangegangenen Betätigung bildeten Eisenbahntransporte einen Schwerpunkt in Speras Aufgabenbereich, zu denen - etwa im Verkehr mit der Volksrepublik China - auch Seetransporte hinzutraten. Zusätzliches Wissen zu letzterem Bereich erwarb er im Rahmen eines Seehafen-Praktikums in Polen. Zurück in Österreich war Spera maßgeblich daran beteiligt, den ungarischen Standort Sopron - trotz der mit dem Bestand des Eisernen Vorhangs verbundenen erheblichen Schwierigkeiten - zu einem wichtigen Angelpunkt im Eisenbahnverkehr zwischen West und Ost aufzuwerten.

 

Gestützt auf die gewonnenen weitläufigen Erfahrungen und im Hinblick auf die Möglichkeit weiter gesteckte Ziele zu erreichen, entschloss sich Spera als nächste Etappe seines Berufslebens den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. Die von ihm 1961 gegründete „Interfracht GmbH“ befasste sich - neben Haftungsfragen, namentlich Entschädigungsfällen – besonders  mit der Anwendung der sich vehement entwickelnden EDV für Zwecke Optimierung der Frachtwege und Verringerung des hierfür erforderlichen Aufwandes. Dies stets unter Bedachtnahme auf den Nutzen sowohl für die Kunden als auch für die Eisenbahnunternehmen.  Trotz mancher widriger Umstände ist der von Spera erfolgreich geführten Firma im Jahr 1983 vom Bundesminister für Handel die Auszeichnung erteilt worden, im geschäftlichen Verkehr das österreichische Staatswappen zu führen.

 

1966 wurde Spera zum Präsidenten des bereits erwähnten „Vereins der Tarifeure (VDT)“ gewählt, eine Funktion, in der er 42 Jahre erfolgreich tätig war.

 

Der weiteren Vervollkommnung seiner fachlichen Ausbildung diente ein im zweiten Bildungsweg „cum laude“ absolviertes Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Verkehrswesen „Friedrich List“ in Dresden. Der dort erworbene akademische Grad wurde 1974 – nach Bestehen mehrerer dafür erforderlicher Prüfungen – durch einen Bescheid des akademischen Senats der Universität Innsbruck mit dem österreichischen Grad Dr. rer. soc. oec. gleichgestellt. Innsbruck wurde in der Folge auch ein wichtiger Standort für Speras langjährige akademische Lehrtätigkeit, die später auch andere Institutionen, namentlich die Wirtschaftsuniversität in Wien und die Fachhochschule für internationale Wirtschaftsbeziehungen in Eisenstadt umfasste.

Mit der 1970 erfolgten Wiedererrichtung des “Internationalen Verbands der Tarifeure (IVT)“ gelang es Spera, als dessen nunmehriger Präsident, an die Tradition dieses 1911 von Alexander Freud, dem Bruder des berühmten Psychoanalytikers Sigmund Freud, gegründeten Institution anzuknüpfen, die schon damals Zweigverbände in zahlreichen Ländern vor allem der ehemaligen Donaumonarchie aufwies.

 

Ebenfalls 1970 trat der „Internationalen Eisenbahn-Gütertarif Österreich – UdSSR (SAT)“ in Kraft, der erstmals eine Verknüpfung der zwischen Ost und West – besonders im Haftungsbereich - divergierenden Rechtsregime CIM und SMGS unternahm und an dessen Schaffung Spera maßgeblichen Anteil hatte.

 

1972 wurde Spera vom Präsidenten des Handelsgerichts Wien zum „Allgemein beeideten gerichtlich zertifizierten Sachverständigen für das Fracht- und Tarifwesen“ bestellt. In dieser Funktion hat er über 140 Gutachten ausgearbeitet und sein Bemühen geht dahin, weiterhin aktiv zu sein.

 

Mit dem im selben Jahr in Wien abgehaltenen III. Internationalen Tarifeurkongress nahm Spera diese von Alexander Freud begründete Veranstaltungstradition wieder auf. Die ersten beiden dieser Kongresse hatten unter Freuds Leitung 1930 in Wien und 1937 in Prag stattgefunden.

 

1976 fand in Budapest der IV. Internationale Tarifeurkongress statt, dem zahlreiche weitere internationale Großveranstaltungen folgen sollten. Eingebettet oder gesondert fanden jährlich die (erweiterten) statutenmäßigen Präsidiumssitzungen des IVT in Österreich oder im Ausland statt.

 

1983 bis 1985 waren für Spera erneut neben der Berufstätigkeit von weiteren Schritten seiner akademischen Karriere hin zur Habilitation an der Hochschule für Verkehrswesen „Friedrich List“ in Dresden geprägt. Hier erwarb er zunächst den akademischen Grad eines Dr. sc. oec, der später zum Dr. habil. umgewandelt worden ist.  In weiterer Folge hat er die „facultas docendi“ erhalten, der sich die Berufung zum Honorardozenten anschloss. 1983 erfolgte sodann die Berufung zum Honorarprofessor.

 

Einen Meilenstein im internationalen Eisenbahnrecht stellte 1985 das Inkrafttreten des Übereinkommens über den internationalen Eisenbahnverkehr (COTIF) dar, an dessen Ausarbeitung Spera sich intensiv beteiligt hatte. Die auf Grund dieses Übereinkommens ins Leben gerufene „Zwischenstaatliche Organisation für den internationalen Einbahnverkehr (OTIF)“ mit Sitz in Bern bemühte sich darum, die Rechtssicherheit und Kundenfreundlichkeit im internationalen Eisenbahnverkehr zu verbessern und fand darin auch durch den IVT nachhaltige Unterstützung, der bei den Tagungen der OTIF, soweit dies wirtschaftlich möglich und sachlich geboten war, mit Beobachterstatus teilnahm und viele wertvolle Beiträge leistete.  Überdies ist Prof. Spera von Beginn an bis zum heutigen Tag Mitglied des bei der OTIF eingerichteten Schiedsgerichts.

 

Um die Interpretation und Umsetzung des nunmehr im Anwendungsgebiet des COTIF geltenden neuen umfassenden internationalen Eisenbahnfrachtrechts besonders für die Nutzer in Österreich zu unterstützen sowie zu verbessern, entschloss sich Spera, einen Kommentar zu den einen Anhang des COTIF bildenden „Einheitlichen Rechtsvorschriften für den Vertrag über die internationale Eisenbahnbeförderung von Gütern (CIM)“ zu verfassen, dessen Erstling 1986 erschien und nachgängig mehrmals ergänzt und aktualisiert wurde. Dieses Werk dient bis heute in der Branche als wichtiger Referenztext, insbesondere auch im Lichte der einschlägigen österreichischen Rechtsprechung und Fachliteratur

 

Eine bedeutende Wende in Speras Berufsleben wurde durch sein infolge von Intrigen erzwungenes Ausscheiden aus den Unternehmen Interfracht und Express ausgelöst. Da Spera sein Leben keinesfalls auf Staatskosten als Frühpensionist weiterführen wollte, sah er sich sofort nach neuen Betätigungsfeldern sowie einer für die Bestreitung des Lebensunterhalts notwendigen festen Anstellung um. Diese fand er zunächst als Konsulent für den Cargobereich der Donau-Dampfschifffahrtgesellschaft (DDSG). Gleichzeitig unternahm es Spera, sein Wissen und seine Erfahrung in Form einer selbständigen Beratertätigkeit zu nutzen, was 1989 zur Gründung der Firma „Logotrans Logistik- und Transport-Consult Ges.m.b.H.“ führte. Im Laufe dieser Firmentätigkeit wurde unter anderem als wichtige Fachunterlage eine deutsche Übersetzung des im Bereich der - ein östliches Gegenstück zur OTIF darstellenden - Organisation für die Zusammenarbeit der Eisenbahnen (OSShD) mit Sitz in Warschau geltenden Abkommens über den internationalen Eisenbahngüterverkehr erstellt, die bereits mehrmals aktualisiert wurde. Wie zuvor der „Interfracht“ wurde 1997 auch der Firma Logotrans die Anerkennung zuteil, im geschäftlichen Verkehr das österreichische Staatswappen zu führen. Besondere Erwähnung verdienen die mehrmaligen Sommerakademien in Sopron, die von der Logotrans zur fachlichen Weiterbildung und Förderung der Vernetzung insbesondere im Verhältnis West-Ost veranstaltet wurden und großen Anklang fanden.

 

Da der Ausbau des Eisenbahnverkehrs in der 1990 wiedererstandenen Republik Litauen einen Schwerpunkt von Speras weiterer Auslandstätigkeit darstellte und er sich hierbei große Verdienste um die Litauischen Eisenbahnen erwarb, wurde ihm angeboten, die Republik Litauen in Österreich als Honorarkonsul zu vertreten. 1995 wurde ihm dafür vom österreichischen Bundespräsidenten das Exequatur erteilt. Im selben Jahr kam es zum Beitritt Litauens zur OTIF. Auf Grund der sich weiter intensivierenden Beziehungen zu diesem Land war Spera bestrebt, alles Notwendige in die Wege zu leiten, damit die für 1999 anberaumte ordentliche Generalversammlung der OTIF -als Tagung des höchsten Organs der Organisation – in der Hauptstadt von Litauen Vilnius stattfinden sollte. Dies ist ihm erfolgreich gelungen und das Protokoll dieser Tagung, in der eine grundlegende Revision des COTIF vorgenommen wurde, bildet bis heute die Rechtsgrundlage des geltenden COTIF.

 

Die Wertschätzung, die sich Prof. Spera bei der OTIF erworben hatte, kam letztlich dadurch zum Ausdruck, dass er von deren Verwaltungsrat 2000 zum „Rat ehrenhalber (Conseiller Honoraire)“ ernannt wurde.

 

Neben der Zusammenarbeit mit Regierungsorganisationen wie der OTIF oder der ECEUNO widmete sich Spera mit erheblichem Einsatz der Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen wie dem Internationalen Eisenbahntransportkomitee (CIT) und der Internationalen Handelskammer (ICC).

 

Als weiteres wichtiges Hilfsmittel für die transportwirtschaftliche Praxis verfasste Spera in den Jahren 2002 sowie 2011 ein umfassendes Werk mit dem Titel „Handel und Verkehr“, das vor allem für die im Rahmen von Außenwirtschaftsbeziehungen Tätigen als wertvoller Ratgeber dient.

 

Im System der sogenannten „paneuropäischen Landverbindungen“ kam den Österreichischen Bundesbahnen die aus österreichischer Sicht vordringliche Aufgabe zu, den Ausbau der Bahnverbindungen mit Südosteuropa auf eine neue Grundlage zu stellen. Diesem Zweck diente die Arbeitsgemeinschaft für den neu geschaffenen Eisenbahnkorridor Nr. X, an der außer den ÖBB noch Bahnen aus Deutschland, Slowenien, Kroatien, Serbien, Bulgarien und Griechenland beteiligt waren. Mit dem Management dieses Korridors wurde Logotrans betraut, was zahlreiche fördernde Aktivitäten nach sich zog und überdies eine Erweiterung des Kreises der teilnehmenden Bahnen um jene aus Bosnien-Herzegowina sowie die Raaberbahn und die Graz-Köflacher Eisenbahnbahn und Busbetriebe mit sich brachte.

 

Auch mit 90 Jahren und nach der 2017 nur mit großem Aufwand bewältigten Übersiedlung des Sitzes des IVT in Wien vom Europaplatz in die Gußhausstraße widmet sich Prof. Spera weiterhin mit Elan seinen vielfältigen Aufgaben und nimmt an den Entwicklungen im internationalen Eisenbahnverkehr, wie sie sich besonders aus den Projekten im Rahmen der sogenannten „Neuen Seidenstraße“ und aus der geplanten Breitspur-Bahnverbindung von Fernost nach Wien ergeben, regen Anteil.

 

Eine immer wichtigere Rolle spielt Spera auch als Zeitzeuge. Dies betrifft einerseits den Fachbereich, in dem das Verständnis der heute geltenden internationalen Regelungen durch das Wissen um deren seinerzeitige Entstehung bedeutend erleichtert werden kann. Andererseits war Spera Zeuge und Leidtragender einer unseligen Phase der Vergangenheit, die der Welt Tod und Vernichtung im Zweiten Weltkrieg gebracht und darüber hinaus im bestehenden totalitären System für unzählige Personen den Verlust der Freiheit sowie Menschenwürde und vielfach auch des Lebens verursacht hat. Für die immer größer werdende Zahl von Erdenbürgern, für die diese Zeiten und Ereignisse aus Mangel an unmittelbarer Betroffenheit in den Hintergrund getreten sind, ist es wesentlich, durch Zeitzeugen wie Spera die Ursachen und Wirkungen solch verhängnisvoller Entwicklungen eindrücklich vor Augen geführt zu bekommen, um wachsam zu bleiben und sich drohenden Angriffen auf die Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt rechtzeitig zu widersetzen.

 

Derzeit arbeitet Prof. Spera an einer erweiterten und ergänzten zweiten Auflage seiner unter dem Titel „Ein Leben in zwei Jahrhunderten“ erschienen Lebenserinnerungen und es ist ihm von Herzen zu wünschen, dass er die notwendige Ermutigung und Unterstützung erfährt, damit das Erscheinen dieses Werkes eine Verwirklichung finden kann.