Internationaler Verband der Tarifeure


Mitgliederversammlung 2016 in Wien

 

Protokoll zur Mitgliederversammlung des IVT am 21./22. Oktober 2016 in Wien

Ort: Wirtschaftsuniversität (WU), 1020 Wien am 21. Oktober 2016

Exkursion: 22. Oktober 2016 zu Wiener Verkehrsknotenpunkten

 

Die Mitgliederversammlung des IVT fand dieses Jahr in Wien statt und hat mit interessanten Vorträgen aufhorchen lassen. Nach einer Begrüßungsansprache des Präsidenten Dr. Kurt Spera hat dieser Frau Prof. Tina Walkolbinger vom Institut für Transport und Logistik der WU WIEN, die den prominent ausgewählten Tagungsort dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat, ans Rednerpult gebeten. Sie ging einleitend kurz auf die architektonischen Meilensteine des WU – Geländes ein: Jedes Gebäude ist einzigartig und von verschiedensten Gestaltern konzipiert worden. Unser Tagungsort die Hauptbibliothek – ein wahres Prunkstück - verdankt sein Entstehen der Architektin Zaha Hadid. Sein futuristisches Aussehen überwältigt und erstaunt den Betrachter. 

Der erste Vortrag kam dann vom Vorstandsdirektor der Rail Cargo Austria Ferdinand Schmidt, welcher den WU Campus als einen Ort lobte, der viele internationale Studierende aus ganz Europa anzieht. In seinen Ausführungen stellte er zuerst sein Unternehmen, die RCA vor. Dieses ist eine Organisation, welches bereits in 18 Ländern vertreten ist. In den letzten 10 Jahren gibt es verstärkte Tätigkeiten auch außerhalb Österreichs insbesondere in vielen EU-Ländern. Der Umsatz der RCA belief sich auf ca. 2 Milliarden Euro und hatte ein EBIT von 6,26 Millionen. Also ein deutliches Plus zum Vorjahr. Zum Konzern gehören mittlerweile 15 Bahnspeditionen, 4 Operator-Gesellschaften (Intermodalverkehr), 10 Eisenbahnverkehrsunternehmen und 4 Instandhaltungsunternehmen für Rollendes Material. Polen und Rumänien sind für die RCA ein Wachstumsmarkt. Auch die Türkei entwickelt sich immer mehr zu einem Hoffnungsmarkt im Transportwesen, auch wenn es aufgrund der politischen Entwicklung zurzeit Grund zur Besorgnis gibt. Die Türkei ist ein wichtiger Partner der EU im Verkehrsbereich und ein wichtiges Transitland auf dem Weg nach China. Für die RCA sind des Weiteren die europäischen Güterverkehrskorridore von großer Bedeutung. Auf ihren Achsen werden die Verkehrsströme in den nächsten Jahrzehnten stark zunehmen.

Wien-Inzersdorf entwickelt sich zurzeit zu einem wichtigen europäischen Güterverkehrshub neben Prag und Budapest. Von hier werden verstärkt die Baltischen Staaten sowie die Adria angefahren ebenso auch Häfen in der Türkei. Wichtige Hafen-Partner sind Triest (Intermodalzentrum) und Koper in Slowenien, ein Hafen, welcher in allen Segmenten wächst und der als einziges Hemmnis die Zufahrt vom Hinterland zum Hafen mit nur einer eingleisigen Strecke ausgebaut hat. Hier müsste man in den Ausbau des Schienennetzes investieren, um Wachstumspotenzial zu nützen. Wien-Inzersdorf ist bedauerlicherweise kein Durchgangsterminal, wodurch eine Ein – und Ausfahrtsbewegung. Resultiert. Es gibt 700 m lange Ladegleise (2 im Moment) und 17 km Gleise allgemein. Wien-Inzersdorf ist der wichtigste Import-Export-Umschlagplatz für den Güterverkehr in der Region Wien. Es können außerdem 420.000 Container vor Ort gelagert werden, was die Konkurrenzfähigkeit stark erhöht. Zukünftig sollen auch Wiegesysteme den Hub zusätzlich attraktiveren.

Direktor Ferdinand Schmidt nennt die besondere Bedeutung von Spezialwagen für den Wagenpark der RCA. Das sind zum Beispiel Wagen, welche Trailer transportieren. Es handelt sich hierbei um eine der Schwerpunktsetzungen der RCA, neben dem Ausbau der Langstreckenverbindungen (Intermodalverbindung nach Triest, Ruhrgebiet wird mit Osteuropa verbunden) und der Stärkung eines allgemeinen Dienstleistungsangebots der Bahn. Die Bahn will außerdem den Kombinierten Verkehr stärken, insbesondere Richtung der Häfen (wie Hamburg oder Bremerhaven (Autos). Shuttleverkehre sollen das Augenmerk auf beliebte Hauptachsen legen und dort den Verkehr ankurbeln. Sowohl Einzelwagen-, als auch der Ganzzugsverkehr sollen gefördert werden. Die EU ist bestrebt in allen europäischen Ländern die Harmonisierung der Transportvorschriften voranzutreiben (z.B. max. Zuglänge und Zuggewicht). Hinsichtlich der Innovationen nennt Direktor Schmid das Investieren in neue Verladetechniken. Der Kunde Voest-Alpine in Donawitz soll maßgeschneiderte Lösungen erhalten. Hier gedenkt die RCA auch verstärkt mit anderen Verkehrsträgern zusammenzuarbeiten.

Die Liberalisierung des Güterverkehrs wurde seit langem durch die EU-Verordnungen und das COTIF geregelt. Die Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVUs) haben ja mittels der COTIF die aufeinanderfolgende Beförderung in den Ländern geregelt (hier ist die RL 91/440 für die Liberalisierung des Transportwesens zu nennen, dann die RL 2001/12 sowie die RL 2004/51, welche die völlige Öffnung des Schienengüterverkehrsmarktes anstrebt). Seit 2012 geht die EU-Politik immer mehr in Richtung der EVUs als Einkaufs/Verkaufs-Modell, wobei die aufeinanderfolgende Beförderung als potentiell wettbewerbsfeindlich gilt. Ex-Monopolisten erschweren Kunden den Zutritt zu lokalen Märkten. In Zukunft soll dann ein EVU als der federführende und vertragliche Beförderer gelten, welcher auf andere vertragliche Beförderer zurückgreifen kann. Nur der vertragliche Beförderer durch Europa z.B. ist dann der Ansprechpartner für den Kunden. Auch die Gesamthaftung liegt dann beim federführenden vertraglichen EVU. Somit wird der Wettbewerb auch am Güterverkehrssektor gestärkt. Der Kunde sucht sich ein EVU als Hauptansprechpartner, und interessiert sich nicht für die Sublieferanten der Teilstrecken.

RCA ist dabei europaweit eigene EVUs international aufzubauen und hat bereits in 18 Ländern eigene Verkaufsgesellschaften, die die lokalen Märkte bearbeiten. Die Globalisierungsstrategie der Bahn soll dem gesamteuropäischen Rückgang des Schienentransports zugunsten von Straße, Schiff und Pipelines entgegenwirken und mittelfristig wieder zu einem Aufschwung des Schienentransports sorgen. Die Kommission hat in ihrem letzten Weißbuch ihr Ziel klar definiert: die Schiene soll auf allen Strecken über 300 km Entfernung wieder mehr Anteil lukrieren. Das kann aber nur durch den Abbau von Hemmnissen sowie stärkere Harmonisierungsbestrebungen in Europa geschehen, welche die durchgehende Fahrt mit einer einzigen Lokomotive ermöglichen sollen. Momentan kommt es in Süd-Ost-Europa z.B. zu Wartezeiten an den Grenzen von bis zu 2 Tagen. Verschiedene Arbeitszeitgesetze oder Sprachbarrieren sind noch immer weitere Zusatzhürden, die den Verkehrsfluss laufend unterbrechen.

Weitere Ziele sind auch schwerere und längere Züge sowie modernisiertes rollendes Material.

Vizepräsident Dr. Gustav Kafka erinnert hier an die Konvention über die Harmonisierung der Grenzkontrollen aus dem Jahre 1982 und plädiert hier für das Wiederaufleben-Lassen. Uneinheitliche Zollvorschriften erschweren zusätzlich den Transport quer durch Europa.

Strukturelle Problemstellungen erschweren auch das Leben der Bahnen in Österreich. Die Stahlproduktion verlagert sich immer mehr in Richtung China (Arcelor Mittal) und bei Magna, wo 200 000 Autos gebaut werden, gibt es noch immer keinen Gleisanschluss. Produktionsteile werden mit dem LKW transportiert. Die Lösung wäre ein Umschlagplatz mit Gleis.

Die RCA wird in Zukunft auch verstärkt in Doppeltaschenwagen investieren, welche für den Transport von Nutzfahrzeugen dienen.

Die Bahn sieht also als generelle Herausforderung für die Zukunft die Vereinheitlichung der europäischen Frachtrechte zur Aufrechterhaltung der Konkurrenzfähigkeit der Schiene sowie die Positionierung der Schiene als den geeigneten Dienstleiter für schwere und gefährliche Güter.

Präsident Dr. Kurt Spera zieht dann Bilanz über die vergangen vier Jahre sowie das Abhalten der letzten Mitgliederversammlung in Koper (2012), den erweiterten Präsidiumssitzungen in Bratislava (2013), Belgrad (2014) und Sopron (2015). Der IVT hat seitdem weitere Mitglieder gewinnen können sowie es ermöglicht, dass außergewöhnliche Referenten Einblick in ihr großes Spezialwissen geben konnten. 

Die Schatzmeisterin Mag. Claudia Kaiser berichtet dann kurz über den Stand der Verbandsfinanzen und deren ordnungsgemäße Verwendung. Vorstand und Schatzmeisterin werden dann von der Rechnungsprüferin Mag. Kerstin Hernler von der GKB – nach erfolgter Prüfung der Einnahmen und Ausgaben mittels Bankauszügen - statutengemäß entlastet.

Dr. Gustav Kafka – als Spezialist für die Vereinheitlichung des Beförderungsrechts – nennt dann die Änderungen im COTIF, z.B. beim Begriff HALTER. Er spricht außerdem über die verschiedenen Rechtslagen in Europa und Asien und deren Überschneidungen (EU-Recht, OTIF, OSShD). Einige Länder Europas haben sämtliche Rechtssysteme in der Anwendung: Polen, Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Litauen, Estland, Lettland, Slowakei, um nur einige zu nennen). Hier würde eine Harmonisierung für äußerst wünschenswert erachtet. Die OSShD wurde 1956 mit Sitz in Warschau gegründet und ist unter anderem für das Breitspurnetz der Russischen Föderation zuständig. Die Arbeitssprachen sind Russisch und Chinesisch. Die neue Amtssprache wird nun auch Englisch. 

Weiters referiert Hr. Peter Sorger aus der Slowakei über Kosice, wo 2017 die nächste erweiterte Präsidiumssitzung stattfinden soll. Damit würde die Verbindung des IVT mit seinen Mitgliedern auch im Osten gestärkt werden. Kosice (Kaschau auf Deutsch oder Cassovia) wurde 1230 n. Chr. gegründet. Es gab in der Folge deutsche und slawische Siedler, die sich dort niedergelassen haben. Kosice ist eine bekannte „Stahlstadt“ und die zweitgrößte Stadt der Slowakei nach Bratislava. 

Die Grenze Cop/Cierna nad Tisou ist ganz in der Nähe und verbindet die Normalspur mit dem Breitspurbahnnetz. 1947 wurde der Grenzbereich ausgebaut und heute gibt es 181 km Gleise zwischen beiden Netzen. 2015 wurden 7 Millionen Tonnen Güter in Cierna nad Tisou umgeladen, vor allem Erze und Metalle. Cierna und Tschop (Ukraine) liegen eine Stunde voneinander entfernt und sollen so beide Umspurungsanlagen besichtigt werden. Für Fragen können Sie sich gerne in Deutsch an Hrn. Peter Sorger wenden: psorger45@gmail.com

Als besonderem Mitglied des IVT wird dem Präsidenten des VdT Wien Hrn. Franz Hofbauer die Professor Alexander Freud Medaille verliehen. Dr. Spera bedankt sich bei ihm für die jahrelang erwiesene Freundschaft und Treue als Mitglied des IVT. Schließlich leitet Frau Mag. Steckl die Wahl der Präsidiumsmitglieder für die nächsten vierJahre. Dr. Kurt Spera wird wieder einstimmig von den Anwesenden zum Präsidenten des IVT gewählt. Die Herrn Dr. Kafka und Glaser bleiben weiterhin Vizepräsident des IVT. Herr Dr. Schramm wird ebenso für die nächsten vier Jahre als Generalsekretär im Amt bestätigt. Frau Mag. Claudia Kaiser erhält das goldene Verbandsabzeichen und wird sich in der nächsten Periode wieder um die Verbandsfinanzen kümmern. Als Rechnungsprüfer werden Frau Mag. Hernler bestätigt und Hr. Zinkl in diese Funktion gewählt. Des Weiteren wird die Liste der internationalen Präsidiumsmitglieder verlesen und diese werden alle bestätigt.

Frau Mag. Dr, Sandie Calme die leider an der Teilnahme verhindert ist, wurde das Verbandsabzeichen in Silber zuerkannt. Ebenso wurde der Vorstand am Institut für Transportwirtschaft und Logistik Herr o. Univ. Prof. Dr. Sebastian Kummer von der WU zum Ehrenmitglied des IVT gewählt. 

Somit ging der erste Tag der Mitgliederversammlung des Internationalen Verbands der Tarifeure und Transportfachleute (IVT) in Wien mit Erfolg zu Ende und die Teilnehmer können noch lange am Buffet ihre Meinungen austauschen.

Am Folgetag gab es dann im Bus eine Exkursion zu interessanten Verkehrsknotenpunkten in Wien. Um 9:30 ging es los zum Hafen Wien-Freudenau (liegt außerhalb des durch Wien verlaufenden Bahnkorridors), welcher ein großer Containerumschlagplatz ist. Hr. Andreas Schüßl macht für den IVT eine sehr interessante Führung durch das Container-Gelände, wofür wir ihm unseren speziellen Dank aussprechen wollen. Viele Container kommen von Hamburg per Bahn nach Wien-Freudenau und gehen danach zum Teil per LKW nach Süden weiter. Wien-Freudenau fungiert als großer Container-Umschlagplatz der Region Wien. Der Hub wird demnächst voll digitalisiert werden und somit werden sich wiederum neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnen und eine Expansion ermöglichen. 3 riesige Portalkräne prägen das Hafenbild und faszinieren durch ihr imposantes Erscheinungsbild. In Zukunft soll das Gelände noch weiter vergrößert und neuer Lagerplatz geschaffen werden.

Um Mittag ging es dann zur Ottakringer Brauerei, wo der Präsident Dr. Spera fachkundige Führung für die Interessenten organisiert hat. Die zweitgrößte Brauerei füllt neben dem bekannten Ottakringer Bier auch für andere Firmen Getränke ab, wobei besonders deren Logistik großes Interesse gefunden hat. Überdies ist die Brauerei ein beliebter Veranstaltungsort für Firmen-Feiern jeglicher Art. Große Hallen, wo auch Bier abgezapft werden kann, können für Großveranstaltungen von Firmen gemietet werden. Wir können vor Ort verschiedene Biersorten degoutieren und werden mit Salzbrezeln verwöhnt. 

 

Zum Schluss führte uns der Bus noch zum Wiener Straßenbahnmuseum und beendete dort den Exkursionszyklus dieses Tages. Wir erlebten eine Führung durch die große Halle (Remise), wo viele historische Straßenbahnen seit der Jahrhundertwende ausgestellt sind. Sehr informativ wurden auch kleinste Details erklärt und somit ist ein Stück Verkehrsvergangenheit von Wien wieder lebendig geworden. So wird die Mitgliederversammlung Wien allen Teilnehmern in steter Erinnerung bleiben.

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